Dienstag, 27. Oktober 2015

Prekär von Staats wegen




https://www.jungewelt.de/2015/10-10/019.php


Prekär von Staats wegen

Es gibt keine Festeinstellung von Lehrern für Integrationskurse. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist überfordert

Von Aglaja Beyes-Corleis
Der Deutschunterricht in Integrationskursen wird unter anderem a
Der Deutschunterricht in Integrationskursen wird unter anderem an Volkshochschulen vor allem von Honorarkräften geleistet
Es gibt einen Konsens: Deutschkurse seien das Wichtigste und die Voraussetzung, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Manchmal mischt sich diese Binsenweisheit mit der populistischen Forderung, es sei eine Pflicht, »unsere Sprache zu erlernen«. Und dann wird gleich nachgeschoben, was zu unterrichten sei: die Werte des Grundgesetzes. Diese Kurse, zu denen viele etwas zu sagen haben, werden allerdings gar nicht oder nicht in ausreichendem Maße angeboten. Die in den letzten Wochen zu uns gekommenen Flüchtlinge dürfen nicht an Integrationskursen teilnehmen, solange sie nicht offiziell anerkannt sind. Wer Glück hat, bekommt einmal in der Woche etwas Unterstützung von Ehrenamtlichen. Um einen regulären Sprachkurs handelt es sich dabei nicht.
Nun sollen nach dem Willen der Wirtschaft und der Regierung Menschen »mit sicherer Bleibeperspektive« schneller in Integrationskurse. Das sind vor allem die Flüchtlinge aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, Somalia und Eritrea. Bisher ist dies aber nur eine Willensbekundung. Erschwert wird der Plan dadurch, dass der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) erklärt, es fehlten die Lehrkräfte, um die Kurse für einen weiteren Personenkreis zu öffnen.
Das ist kein Wunder: Es gibt bundesweit praktisch keine Lehrer mit regulären Arbeitsverträgen für erwachsene Deutschlerner. Allerdings gibt es an die 20.000 Lehrkräfte für Integrationskurse. Für diese ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zuständig, das derzeit mit der Aufgabe, den Deutschunterricht für Neuankömmlinge zu organisieren, völlig überfordert scheint. Statt die Lehrer einzustellen und zu bezahlen, überweist das Bundesamt pro geleisteter Unterrichtsstunde und Teilnehmer 2,97 Euro an die freien Träger, also private Sprachschulen und Volkshochschulen, die davon auch ihr Verwaltungspersonal und ihre Raummieten bestreiten müssen. Betrachtet man den gigantischen Verwaltungsaufwand, wundert es kaum, dass das BAMF seiner Kernaufgabe, der Überprüfung von Asylanträgen, nicht mehr nachkommt.
Die Lehrkräfte sollen nach dem Willen des BAMF mindestens 20 Euro pro Stunde bekommen, was teilweise nicht gezahlt und selten überboten wird. Das mag als Zusatzjob nach viel Geld klingen. Doch denen, die ausschließlich davon leben müssen, bleibt wenig. Honorarkräfte sind pflichtversichert in der gesetzlichen Rentenversicherung, das heißt, sie müssen den sogenannten Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil entrichten. Nach einer Berechnung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bleiben einer Lehrkraft mit 25 Wochenstunden nach Abzug aller Sozialabgaben, gerade einmal 990,85 Euro im Monat netto. Und das während sie keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auch keinen bezahlten Urlaub bekommt.
Die Integrationskurse zu unterrichten ist für die meisten Lehrkräfte eine Vollzeitarbeit, weil diese Kurse im Schnitt über 20 Wochenstunden enthalten, wobei viele in mehreren Kursen unterrichten, oft in derselben Schule. Das BAMF hat sich allerdings wiederholt als nicht zuständig für Arbeitsverträge erklärt. Träger wie Volkshochschulen sehen sich ebenfalls nicht in der Pflicht, weil sie »traditionell« immer mit Honorarkräften gearbeitet hätten.
Die Folge ist: Es fehlen Zehntausende Stellen, um den zu uns kommenden Menschen Deutsch beizubringen. Außerdem weiß niemand, wie viele solcher Arbeitsplätze genau nötig sind. Stillschweigend wird sogar davon ausgegangen, dass überhaupt keine Stellen geschaffen werden müssen. Gefordert werden in der öffentlichen Diskussion lediglich welche in der Verwaltung, von Arbeitsplätzen für Lehrkräfte in Integrationskursen ist nirgends die Rede.
Das Ergebnis: Zigtausende von ihnen unterrichten in Integrationskursen als Scheinselbständige. Viele steuern auf die sichere Altersarmut zu, ganz zu schweigen davon, dass sie sich schon jetzt wegen des Geldes auch bei Krankheit zur Arbeit schleppen müssen. Wer kann, vermeidet es, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Junger, qualifizierter Nachwuchs ist trotz einschlägiger Bildungsgänge Mangelware.
Und wie sieht es mit den Bildungsinhalten aus? Die derzeitigen Integrationskurse führen bis zum Niveau B 1 des europäischen Sprachzertifikats, bei ehemaligen Analphabeten nur bis zum Niveau A 2. Das reicht, um sich auf einfachem Niveau zu verständigen, für eine erfolgreiche Vermittlung in den Arbeitsmarkt im allgemeinen jedoch nicht. In vielen Berufen wird mindestens B 2 verlangt, im akademischen Bereich C 1.
Landeskunde ist fester Bestandteil des Unterrichts. Am Ende des Integrationskurses steht der Orientierungskurs, der auch über das Grundgesetz, Rechte und Pflichten, und somit auch über Fragen wie Gleichheit von Mann und Frau, unterrichtet und mit einer schriftlichen Prüfung abschließt. Wie Ironie mutet es dennoch an, wenn in der derzeitigen Debatte lauthals gefordert wird, was Lehrkräfte im Integrations- oder Orientierungskurs alles machen müssen. Offiziell sind fast alle selbständig. Damit dürften sie theoretisch selbst entscheiden, wie und was sie unterrichten. Müssen sie lehren, dass Staat und Religion in Deutschland getrennt sind? Ein Freiberufler könnte dazu antworten: »Ich fordere die Einführung des fliegenden Spaghetti-Monsters als Staatsreligion.« Absurd? So absurd wie die geltende Auffassung, Lehrer in Integrationskursen seien wirklich selbständige Freiberufler.

1 Kommentar:

  1. Ist das wirklich ernst gemeint, dass die Zuwanderer Deutsch lernen sollen?
    Nur, solange es nichts kostet.

    AntwortenLöschen